Psalm 103

Vorbemerkungen:

Es ist eine Hymne, ein Lob- und Dankpsalm, entstanden in der Zeit nach dem babylonischen Exil. Aber auch nach 2500 Jahren hat er nichts von seiner Gültigkeit verloren.

Der Psalter ist das Gesangbuch des Alten Testaments. Wurden damals die Psalmen gemeinsam in der Gemeinde gesungen und gebetet oder waren sie nur das Gebet des einzelnen Menschen? Beides ist wohl voneinander nicht zu trennen. Auch unser Gesangbuch wird ja nicht nur in der Kirche gebraucht. Für viele ist es auch ein persönliches Gebetbuch.

Ein Gebet kann man schlecht erklären. So werden auch in dieser Bibelarbeit die Erklärungen auf das allernötigste beschränkt. Es wir vorwiegen ein Versuch sein, mit der alten Hymne innerlich mitzuklingen.

Zum Text:

Vers 1:  “ Lobe den Herrn, meine Seele, und alles was in mir ist, seinen heiligen Namen!”

Loben ist mehr als danken. Das hier benutzte hebräische Wort : barah, lateinisch: benedicere, bedeutet: anbetend niederknien, aber auch: segnen. Das Loben, das Anbeten, das Segnen, das ist die rechte Antwort des Menschen auf das Tun Gottes.

Das Wort “Seele” bezeichnet nicht etwas Nebelhaftes. Meine Seele bin ich, der ich lebe.

Der Name repräsentiert die ganze Person Gottes. Es ist aber nicht ein Fremder, sehr allgemeiner Gott, sondern der, den ich beim Namen anrufen kann, zu dem ich Zugang habe.

Dieser Vers ist ein Aufruf. Der Psalmist stößt sich selbst an, und ich tue es auch. Weg mit der Müdigkeit, schlafe nicht ein: Lobe den Herrn!

“...alles was mir mir ist”. Was ist in mir? Ärger, Freude, Gleichgültigkeit: das, was ich heute, was ich gestern, in mir aufgenommen habe: einiges trage ich sogar ein Jahr oder noch länger in mir herum. Alles soll den Herrn loben. Die Freude kommt gerne. Die Müdigkeit brummt: ”Laß mich in Ruhe!” Ich sage aber: “Komm, komm!” Ich öffne mich zum Loben.

Vers  8:  Lobe den Herrn meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat.”

Ich neige dazu,die Güte Gottes zu vergessen. Ich habe an Schweres zu denken. Der Psalmist lebt allerdings auch nicht im ständigen Jauchzen.  “... wir sind Staub”. Ein Mensch ist ist in seinem Leben wie Gras. Er blüht wie eine Blume auf dem Felde. Wenn der Wind darüber geht, so ist sie nicht mehr da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.” (Vers 14-16)

Es ist eine sehr nüchterne Betrachtungsweise. Wir sind ein Teil der vergänglichen Schöpfung. Man wird auch uns vergessen und nicht mehr an die Stätte denken, wo wir gelebt haben. Es wäre leicht, sich in Klagen über die Vergänglichkeit zu verlieren.

Aber  “... vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat.” Die Vergangenheit hat einen Wert. Er besteht in dem Handeln des Ewigen. In unserem Leben sind Gottes Spuren zu entdecken. Darauf sollten wir achten. Unsere Tage sind im Lichtkreis seines Tuns. Sein Tun vergeht nicht, das sollten wir nicht vergessen.

Vers  3:  “der dir alle deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen.”

Seine Vergebung ist die Voraussetzng unseres Lebens. Die Sünde trennt uns von ihm.Wie groß ist diese trennende Macht und Gottes Vergebung?

Der Moralist meint, “Ich muß gut sein. Irgendwie schaffe ich es schon, wenigstens das Meiste.” Ein bißchen bleibt dann allerdings für die Vergebung Gottes übrig. “Eigentlich bin ich ziemlich gerecht.” Die Rechtfertigung gehört dabei zu der Lehre der Kirche, also nehme ich sie auch mit.

Wenn wir auf die Bibel hören, merken wir, dass wir nicht die “sehr Verehrungswürdigen” sind. Sie und ich, wir sind Sünder. Wir brauchen eine wirkliche, eine vollständige Vergebung – nicht nur ein bißchen davon. Besonders wir Pastoren stehen in einer schwierigen Situation. Die Gemeinde erwartet, dass wir ein Vorbild sind. Das verleitet uns dazu, dass wir die Rolle des Vorbildlichen spielen, in Wirklichkeit aber ganz gewöhnliche Menschen, also Sünder sind. So geraten wir in eine Unwahrhaftigkeit.

Die Augustana schreibt über die Rechtfertigung: “Weiter wird gelehrt, dass wir Vergebung der Sünden und Gerechtigkeit vor Gott nicht durch unsere Verdienste, Werke und Gott versöhnende Leistungen erreichen können, vielmehr empfangen wir Vergebung der Sünden und werden vor Gott gerecht aus Gnade um Christi willen, durch den Glauben, d.h., wenn wir glauben, dass Christus für uns gelitten hat und dass uns um seinetwillen die Sünde vergeben, Gerechtigkeit und Ewiges Leben geschenkt wird.”

Hier ist eine geistliche Erfahrung in einem Lehrsatz gefaßt. Man sollte aber die Lehre von der Vergebung nicht mit der Vergebung sellbst verwechseln. Eine Anleitung, wie man sich wäscht, macht noch nicht sauber.

“... der dir alle deine Sünden vergibt”  Das sagt ein Mann, der Christus noch nicht kannte; wieviel mehr sollten wir es sagen.

“... er heilt alle deine Gebrechen”. Tut er das wirklich?

Auf einem lettischen Gemeindetag in Amerika wagte ein junger Pastor uns alle aufzufordern, für einen krebskranken Jungen zu beten. Nach zwei Jahren, auf dem nächsten Gemeindetag, spielte dieser Junge die Trompete; und auf dem übernächsten, nach 5 Jahren, spielte er wieder. Haben wir das nur der ärztlichen Kunst zu verdanken? Die sollte sicher nicht mißachtet werden. Aber es wäre unsinnig, Gott nur die Verwaltung der Seele zuzutrauen.

Es gibt christliche Bewegungen, wo die Krankenheilung sehr im Zentrum steht. Ich kenne eine Frau, die sehr herzlich, auch zusammen mit Anderen, für die Heilung ihres kranken Mannes gebetet hat. Der Mann verstarb aber gerade zu Weihnachten. Die Frau blieb mit sehr vielen unbeantworteten Glaubensfragen zurück.

Wir sollten nicht vergessen, dass auch bei einer wunderbaren Heilung der Tod nur verschoben wird. Letztlich geht es um die Heilung vom Tod. Die eigentliche Antwort ist der auferstandene Christus. Wir sind in Ihm; Er lebt, und deshalb sollen auch wir leben. Ohne den Auferstandenen, bleibt nur ein Leben zum Tode hin.

Vers  4: “der dein Leben vom Verderben erlösst, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit.”

Gott läßt uns seine Zeichen erfahren. Fast alle werden wir von einer Errettung im Krieg oder von einer Krankheit berichten können. Die Zeichen sind aber nicht das Ende, es gibt die Erlösung im vollen Sinne des Wortes. Das Böse, die Sünde, der Tod können uns nicht mehr verderben, weil wir im Lichte Gottes stehen. Die kleinen Zeichen erinnern uns an diese große Wirklichkeit.

Gott – krönt – uns. Die Krone ist ein Zeichen der Herrlichkeit. Wir setzen sie uns nicht selber auf. Es gibt für uns aber einen Anteil an der Herrlichkeit Gottes. Von Ihm selbst gegeben. Es sind: seine Gnade und seine Barmherzigkeit. Der selbstherrliche Mensch braucht keine Gnade. Die eigene Herrlichkeit ist aber sehr wacklig. Und dann, wenn alles wackelt, werden wir klein und schuldig. Aber dann läßt Er uns Anteil an seinem Lichte haben. Das ist wohl der einzige Weg zur Herrlichkeit.

Vers  8:  “Der deinen Mund fröhlich macht, und du wider jung wirst, wie ein Adler.”

Dieser Vers ist nicht sehr gut überliefert. Die erste Hälfte wird in der Septua ginta übersetzt: “Er sättigt mit guten Dingen dein Verlangen.” Vulgata: “Der wieder füllt dein Verlangen.” Die Jerusalemer Bibel: “Dein Leben erfüllt Er mit Güte.” Eine alte lettische Übersetzung: “Er sättigt dich mit Freude”, eine spätere: ”Er erfreut dich reichlich im Alter mit segensreichen Gaben.” Ich bin nicht in der Lage zu sagen, welche Übersetzung die richtige ist. Allen gemeinsam ist: “Er gibt dir Gutes.” Das Gute ist hier wohl im weitesten Sinne des Wortes zu fassen. Er gibt – ich empfange – ich bin froh – ich danke.

Auch für die zweite Vershälfte finde ich keine sichere Übersetzung. Luther übersetzt: “... und du wieder jung wirst, wie ein Adler”. Die Jerusalemer Bibel und die lettische Übersetzung; “Wie dem Adler wird deine Jugend dir neu.” Es scheint hier die Vorstellung vorzuliegen, dass der Adler sich erneuert, in der Bibel ist sie aber sonst nicht belegt. Auf jeden Fall bleibt die Aussage: “du wirst wieder jung wie ein Adler.” Der prächtige Vogel und ich, mit meinem krummen Rücken, mit der Brille und einem Herzen, das gerade noch einen kleine Hügel schafft. Fassen wir zusammen: Wenn es eine zweite Geburt gibt, dann sollte es eigentlich auch eine zweite Jugend geben. Ein 80.jähriger Mann, der erst in diesem Alter Christus erfahren hat, sagte: “Mein Leben fängt jetzt erst an.” Es ist eine sehr fröhliche Erfahrung: in der Nähe Gottes, auch im Alter. Dieses “neu” werden, ist schwierig zu beschreiben. So geht es uns mit allen geistlichen Dingen; sie gehören eigentlich zu der neuen Welt. Uns stehen nur die Bilder der alten Welt zur Verfügung, damit müssen wir versuchen, das Neue auszudrücken. Es wir zwangsläufig ein Stottern daraus.

Vers  6:  “Der Herr schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.”

Stimmt das? Es gibt Unrecht in der dritten Welt, es gibt Unrecht in unserer Heimat. Ich möchte mehr Gerechtigkeit für die, die Unrecht leiden. Unrecht bleibt Unrecht, unabhängig davon, wer es tut.

Es ist eine große Sache in der Bedrängnis, die Rechtfertigung durch Christus zu erleben. So entsteht eine Freiheit in der Unfreiheit.

Dafür gibt es geschichtliche Beispiele: So gab es in Lettland zur Zeit der Leibeigenschaft eine Erweckung durch die Brüdergemeinde. Die Brüder waren keine Revolutionäre. Sie hatten aber einen Herrn, und deshalb waren sie mutige un fröhliche Menschen. Folgen von dem Wirken der Brüdergemeinde sind in der lettischen Frömmigkeit und in der lettischen Kultur bis heute geblieben.

Der Versuch, die Gerechtigkeit ohne die Liebe Gottes zu verwirklichen, führt zu einer neuen Ungerechtigkeit oder zur Resignation. Der Herr schafft aber Gerechtigkeit. Die endgültige Lösung liegt bei Ihm. Das macht uns frei für unsere Aufgabe, gegen jede Ungerechtigkeit aufzutreten. Wenn wir von seinem Handeln wissen, brauchen wir in unserem Handeln nicht mehr verkrampft zu sein. Wir stehen auf der Seite des Siegers.

Vers  7:   “Er hat seine Wege Moses wissen lassen, die Kinder Israels sein Tun.”

Es findet hier eine Wendung vom Persönlichen zum Geschichtlichen hin statt. Das Alte Testament beschreibt, dass Moses nachsehen durfte, als Gott vorbei ging. Spuren Gottes sind sicher auch in unserer Geschichte. Es würde sich lohnen, sie nach dem Muster des Alten Testamenents zu schreiben. Das Wirken Gottes wird allgemein viel zu wenig in der Geschichte gesehen, deshalb bleibt dort sein Lob aus. An seine Stelle tritt Eigenlob, und letztlich Unsicherheit und Angst.

Vers  8:  “Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.”

Noch einmal ertönt der Grundton des Psalms, die Barmherzigkeit und die Gnade: Zu mir, zu uns, zu unserem Volk, zu der Kirche, zu dieser Welt.

Über die Geduld Gottes staune ich. Sie betrifft mich, aber auch die Gesellschaft und die ganze Welt. Man kann sie als Schwäche auslegen oder vom heiligen Schauer ergriffen sein. Gott ist von großer Güte, wir sind es gewöhnt, Grenzen zu setzen. Petrus fragt: “Genügt es, sieben mal zu vergeben?” Die Güte Gottes geht aber weiter und weiter. Sie wird nie zu unserem Besitz. Sie ist stets eine neue Erfahrung, die zum Loben führt, Zum Loben gehört auch, dass etwas von dieser Güte auf uns überspringt.

Vers  9:  “Er wird nicht immer hadern noch ewiglich Zorn halten.”

Sein Zorn darf nicht übersehen werden. Es gibt aber eine Zukunft in seiner Liebe. Sie braucht nicht unbedingt leicht zu sein. Wegen seiner Güte können wir ruhig an die Zukunft unserer Kinder denken. Sonst müßten wir eine tiefe Angst haben oder blindem Weltgeschehen gegenüberstehen.

Vers 10:  “Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unserer Missetat.”

Gott ist nicht gerecht, er ist gütig. Deshalb ist das Leben schön. Manchmal fordern wir Menschen, Gott soll doch gerecht sein. Da maßen wir uns eine Übersicht über den Himmel und die Erde an. Für mich wäre seine Gerechtigkeit furchtbar. Im Neuen Testament steht die Güte Gottes ganz im Zentrum. Sie kann auch Ärger in uns auslösen, so z.B. in dem Gleichnis Jesu von den Arbeitern, die zu sehr verschiedenen Zeiten mit der Arbeit beginnen, aber alle den gleichen Lohn erhalten. Die länger gearbeitet haben murren. Klingen wir mit, mit der Güte Gottes?

Vers 11:  “Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, läßt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.”

Die Gnade Gottes ist nicht eine Lehre, ein Prinzip – sie waltet, sie geschieht und sie ist gewaltig. Sie ist so hoch, wie der Himmel über der Erde. Der Psalmist wußte wohl, dass der Himmel sehr hoch isst. Wir haben gelernt weiterzudenken. Wir haben eine Ahnung von der Unendlichkeit. Beziehen wir diese Ahnung auch auf die Gnade Gottes.

Die Gnade Gottes steht “über die, so ihn fürchten.” Was heißt fürchten, Angst haben? Angst ist aber nicht in der Liebe. Die Jerusalemer Bibel übersetzt: “Gegen seine Frommen.” Das hebräische Wort jare – fürchten, bedeutet auch: Ehrfurcht, fromme Scheu haben. Wir müssen mit der Heiligkeit Gottes und zugleich mit seiner Liebe leben. Beides sollte nicht auseinander gerissen werden. Das Vertrauen auf die himmlische Gnade ist aber das wichtigste.

Vers 12:  “So ferne der Morgen ist vom Abend, läßt er unsre Übertretungen von uns sein.”

So ist die Vergebung. Die Schuld wird nicht etwa 5 cm von uns entfernt, sondern so weit, wie der Morgen ist vom Abend. Sie ist ganz weg. Wir sind von ihr befreit. Es gibt eine jämmerliche Demut, z.B, wenn jemand nach der Vergebung der Sünden und nach dem Abendmahl wieder sagt: “Ich bin ja so sündig.” Es ist sündhaft, dass wir Christen die Vergebung so wenig ernst nehmen. Gott schenkt uns eine unbegreifliche Freiheit, die in die Dankbarkeit hineintreibt.

Vers 13:  “Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten.”

Der Heilige Gott erbarmt sich wie ein Vater über uns. Das klingt fast neutestamentlich. Gott ist ganz nah für die, die mit seiner Heiligkeit leben. Seine Heiligkeit treibt uns in seine Liebe.

Vers 14-16:  “Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind. Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da. Und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.”

Gott kennt uns. Der Grund seiner Liebe liegt nicht in uns, wir sind nur Staub. Das Leben steht unter der Sicht der Vergänglichkeit: Die Grabstelle wird für 25 – 30 Jahre gekauft. Über uns, über die Herren der Welt, über die Weltveränderer, wird sehr bald Gras wachsen. Sogar von denen, die in die Geschichte eingehen, bleibt eigentlich nur ein Schatten übrig. So ist es bei uns Menschen. Ganz ander ist es bei Gott.

Vers 17:  “Die Gnade aber des Herrn währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind.”

Auch hier ist nicht von der Gnade an sich die Rede. Es ist die Gnade, in der wir stehen, die uns durchdringt. Gott macht uns zu seinem Teil dieser Gnade. Es handelt sich hier nicht um ein allgemeines Gesetz der Unsterblichkeit. Gottes Gnade ist ewig und wir sind in ihr. Auch hier steht der Zusatz: “... die ihn fürchten.” Die Heiligkeit Gottes läßt uns erzittern,und wir lassen uns in seine Gnade hineinsenken. Sie gilt nicht nur für uns allein, sondern auf Kindeskind. Es gibt eine geerbte Gnade. Im Abschluß zu den 10 Geboten steht: “Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der über die, so sich  hassen, die Sünden der Väter heimsucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied. Aber denen, so mich lieben und meine Gebote halten, tue ich wohl ins tausendste Glied.”

Man hört oft die Frage: “Warum werden die Kinder für die Sünden der Väter bestraft?” Die Proportion zwischen der Heimsuchung und der Gnade Gottes ist aber nach der Aussage der Bibel 4 zu 1000.

Vers 18:  “bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.”

Wir haben den neuen Bund, der geschlossen ist im Sterben und in der Auferstehung Jesu Christi. Er nimmt den ganzen Haß, die ganze Scheußlichkeit der Menschen auf sich und versinkt damit ins Grab. Und er lebt!

Mit Vers 19 folgt ein Einschnitt in unseren Text: “Der Herr hat seinen Thron im Himmel errichtet und sein Reich herrscht über alles.”

Haben wir es hier mit einem längst überholten Bild vom Himmel zu tun? Dass Gott nicht einfach auf einem Stuhl im Himmel sitzt, das wußten auch die Menschen des Alten Testaments. Irgendwie muß das “... was kein Auge gesehen hat, was kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herzen gekommen ist” in unser Blickfeld gerückt werden.Der Thron als Zeichen der Herrschaft ist naheliegend. Seine Königsmacht umfaßt aber das All. Wenn Er der eigentliche Herrscher ist, dann ist es ja nicht entscheidend, was die Großmächte tun werden, sondern was Gott tun wird. Der Mensch des Alten Testaments steht in einem wichtigen Lernprozeß. Er lernt immer aufs neue, das Tun Gottes zu entdecken. Ein solcher Lernprozeß könnte vielleicht auch für uns ganz nützlich sein.

Vers 20-21:  “ Lobet den Herrn, ihr seine Engel, ihr starken Helden, die ihr seinen Befehl ausrichtet, dass man hört auf die Stimme seines Wortes! Lobet den Herrn, alle seine Heerscharen, seine Diener, die ihr seinen Willen tut!”

Engelgewalten, himmlische Heere, seine Diener, das ist die unsichtbare, himmlische Welt. Existiert sie wirklich? Früher stellte man sich sie räumlich vor; wir wissen, diesen Himmel räumlich über uns, gibt es nicht. Man kann folgern: “Also, alles ist Einbildung!” Es wäre allerdings eine voreilige Folgerung. Es ist eine maßlose Überschätzung unseres Begreifens. Wir meinen, dass nur das existieren kann, was wir begreifen können. Sicher, die ganzen himmlischen Wesen sind nicht in einem Schaufenster ausgestellt, damit wir sie betrachten können. Sie gehören in das Tun Gottes hinein, sie richten seine Befehle aus, sie hören auf seine Stimme, sie loben Gott. Sie stehen nicht als selbständige Mächte neben Gott, sie sind aber sicher auch nicht zu verniedlichen. Einige Ausleger weisen darauf hin, dass der himmlische Hofstaat kanaanäischen Ursprungs ist. Das Volk hatte auch mit den kanaanäischen Göttern zu tun. Zuerst bedrohten sie den Glauben an den einzigen Gott, dann stehen sie nicht mehr feindlich abseits, sondern sind in das Dienen und Loben hineingenommen. Man kann diesen Prozeß logisch von oben betrachten, und ein wenig lächeln.

Wenn die Annahme stimmt, dass die Götzen zu Lobenden werden, dann bleibt für uns allerdings die Frage, ob unsere Götzen nicht ihren Ort im Lobgesang finden könnten. Wie ist es mit dem Geld? Dem Volkstum, den sozialistischen Ideen? Wenn dies alles geheiligt, Gott unterworfen wird, wenn dies alles Gott lobt, sollten wir Gott nicht zutrauen, dass auch diese Mächte, die selbständig sein wollten, die uns zu ihren Knechten machen wollten, in den Lichtkreis Gottes aufgenommen und verwandelt werden können?

Vers 22:  “Lobet den Herrn, alle seine Werke, an allen Orten seiner Herrschaft! Lobe den Herrn, meine Seele!

“Gelobet seist Du, Herr, mit allen Deinen Kreaturen.” so spricht Franz von Assisi in seinem Gebet. Die Schwester Sonne, der Bruder Mond, der Bruder Wind, sie alle stimmen in den Lobgesang ein. Die ganze Schöpfung lobt Gott, einfach durch ihr Dasein. Auch wir Menschen sind ein Teil der Schöpfung.  Unser Loben geschieht aber nicht automatisch. Wir können das Lob Gottes auch ablehnen, wir können gegen Ihn sein, wir können gleichgültig sein. Nur ich, der Mensch, muß mich entscheiden. Ich muß mich anstoßen: Lobe den Herrn, meine Seele!

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