Pastor Paulis Urdze

21.11.1920 - 14.07.1985

Gita Putce

Geburtstage können dazu einladen, Lebenswege zu  bedenken. An großen runden Geburtstagen erinnert man sich an besondere Ereignisse und sucht die Verbindung zur Gegenwart. -Auch ich möchte dies tun.

Am 21. November wäre mein Mann Pastor Paulis Urdze 100 Jahre geworden. Er ist schon lange nicht mehr unter uns; am 14.Juli 1985 ist er mit 64 Jahren gestorben.

Ich habe Paulis im Sommer 1955 kennengelernt. Er hatte soeben sein Theologiestudium in Bonn abgeschlossen. Die lettische ev. luth. Kirche bot ihm an, die lettischen Exilgemeinden in Niedersachsen zu betreuen. An Arbeit fehlte es nicht - es gab Gemeinden in Hannover, Goslar, Salzgitter, Osnabrück und zunächst auch in Diepholz. Später kamen noch drei Altenheime hinzu - in Varel, Delmenhorst und in Oldenburg. Sein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt  aber wurde das Flüchtlingslager in Oldenburg-Ohmstede.

Paulis Urdze Im Lager Ohmstede

Zur Geschichte des Lagers

Vor dem ersten Weltkrieg befand sich auf dem späteren Gelände des Lagers eine Pferderennbahn. Durch die Weitläufigkeit bot sich der Ort auch für andere bedeutsame Großveranstaltungen an. So landete dort z.B. 1912 ein Zeppelin, 1932 trat Hitler am „Rennpatz“ auf.

Während des Krieges entstand an gleicher Stelle ein Lager für Zwangsarbeiter, die aus den eroberten Ostgebieten hergebracht worden waren. Die Stadt setzte sie ein, wo Arbeitskraft gebraucht wurde. Die Menschen lebten unter elenden Umständen. Die einheimische Bevölkerung verhielt sich ihnen gegenüber abweisend. 1944 wurde ein Teil des Lagers abgetrennt. Dort wurden aus dem von der deutschen Armee okkupierten Lettland die ersten Flüchtlinge aus Lettland untergebracht. Erst mit der Kapitulation Deutschlands erhielten die Zwangsarbeiter ihre Freiheit zurück. Viele von ihnen überlebten die schweren Lebensbedingungen jedoch nicht. Auf dem Friedhof Ohmstede finden sich um die 300 Namen von Verstorbenen dieser Zeit. Noch während der Kriegszeit kamen andere Bewohner ins Lager - Menschen aus verschiedenen Ländern Europas, die auf der Flucht vor dem Kommunismus waren, darunter auch Letten, Litauer und Esten.

Nach 1945 wurden die Flüchtlingslager neu organisiert, Oldenburg-Ohmstede wurde zu einem lettischen Lager. Ungeachtet der beengten und bedrückenden Unterbringung entwickelte sich ein reges kulturelles Leben. Allerdings nur für kurze Zeit: nach und nach begannen die Flüchtlinge auszuwandern, um anderswo einen Neubeginn und ein besseres Leben zu suchen. Die Bewohnerzahl im Lager schrumpfte rapide. Zurück blieben diejenigen, die von den ersehnten Ländern nicht aufgenommen wurden: Ältere, Kriegsversehrte, Tuberkulosekranke. Das lange Warten ohne Ziel, Arbeit und Sinn führte viele in Alkoholismus und Depression.

Meine eigene Familie lebte schon seit dem Jahr 1948 in diesem Lager. Als Paulis 1955 nach Ohmstede kam, wurde ihm in einer der Baracken ein Zimmer zugewiesen. Ich erinnere mich, dass es in einem kräftigen Rosa gestrichen war. Die Holzwände waren sehr dünn; man musste sich flüsternd unterhalten, damit die Nachbarn nicht mithören konnten. Gleichzeitig bekam man mit, was nebenan vor sich ging. Eine lettische Schule gab es nicht mehr, da fast alle Schülerinnen und Schüler ausgewandert waren. Auch die Künstler waren nicht mehr da. Es gab viel weniger Jugendliche, die Familien waren durch die Emigration auseinandergerissen.

Durch Paulis hatten viele von uns auf einmal das Gefühl, ein frischer Wind komme in unser Lagerdasein. Er sammelte die verbliebenen Jugendlichen um sich zu Austausch, Diskussionen und Theaterprojekten. Fünf von uns bereitete er für die Konfirmation vor. Wir wussten nur wenig über Glaubensdinge und erlebten die Gespräche als spannend. 1956 wurden wir in der großen Ohmsteder Kirche konfirmiert; der Gottesdienstraum in einer der Lagerbaracken war zu klein. Dies war Paulis erste Konfirmation.

Ordination von Paulis Urdze;
Paulis Einführung in die Lettische Gemeinde: Antons Abakuks, Paulis Urdze, Jāzeps Urdze, Johannes Wolter

Paulis sah die Trostlosigkeit des nicht enden wollenden Lagerlebens. Bereits in seiner Zeit in Bonn hatte er sogenannte „Workcamps“ kennengelernt, in denen junge Menschen aus verschiedensten Ländern in den Sommermonaten zusammenkamen, um sich für wohltätige Projekte zu engagieren. Paulis sorgte dafür, dass auch unser Lager zu so einem Projekt wurde. So kamen junge Menschen von überall her nach Ohmstede, renovierten die Unterkünfte und richteten auch einen Kindergarten ein.

Der Umbau einer bestimmten Baracke jedoch wurde zu einem ganz besonderen Projekt: In Zusammenarbeit mit der Stadt und der Oldenburger Kirche wurde dort der Grundstein für eine Selbsthilfe-Werkstatt gelegt. Zunächst wurde dort genäht, gewebt und Holz bearbeitet. Schon bald gingen verschiedene Aufträge umliegender Firmen ein, so, wie z.B. das Zuschneiden von Sohlen für eine Schuhfabrik oder das Herstellen von Kabelverbindungen für eine Elektrofirma. Die Bezahlung war schlecht, aber die Menschen fühlten sich wieder zu etwas nütze und sie waren dankbar, wieder arbeiten zu können.

Paulis Urdze bei der Rennovierung einer Baracke im Lager Ohmstede

Ich war immer mit dabei, sowohl in der Gemeindearbeit als auch bei den Workcamps. Und so kam es, dass  Paulis und ich uns näher kennen lernten. Trotz des großen Altersunterschieds von 16 Jahren waren wir überzeugt, dass wir ein gutes gemeinsames Leben führen könnten. 1957 wurden wir getraut. Unser Wohnort blieb das Lager, wo es auch weiter viele Aufgaben und Probleme gab. Wenigstens bekamen wir beide drei kleine Zimmer in einer Baracke.

Der Fortbestand des Lagers wurde zu einer zentralen Frage. In Deutschland waren die meisten Flüchtlingslager bereits aufgelöst. Menschen, die anderswo nicht unterzubringen waren, wurden nach Ohmstede umgesiedelt. Die Stadt Oldenburg gab vor, kein Geld für die Errichtung von Wohnhäusern zu haben. Aber wie konnte man sich nach so einer langen Zeit in provisorischen Unterkünften mit einer derartigen Ausrede zufrieden geben? Paulis ließ nicht locker. Hilfsorganisationen aus Schweden schickten Kleider- und Sachspenden. Aber die Frage nach würdigeren Lebensbedingungen für die Lagerbewohner blieb bestehen. Wieder gab es Gespräche und es entstanden hilfreiche Kontakte mit holländischen Unterstützern. Im Rahmen des UNO-Flüchtlingsjahres  übernahmen die Niederlande die Verantwortung über unser Lager. 1959 begann eine große Spendenaktion mit dem Namen „Het Ontheemde kind" ("Kind ohne Heimat“). Paulis wurde  jetzt oft in die Niederlande eingeladen, erzählte vom Lagerleben und vom Schicksal der Flüchtlinge. An einer Veranstaltung nahm auch Königin Juliana teil. Viele Journalisten kamen zu uns, um die Situation vor Ort in Augenschein zu nehmen.

Paulis Urdze und Königin Juliana (Niederlande)

1960 begann endlich der Bau einer neuen Siedlung. Unser Barackenleben hatte ein Ende -  für Paulis nach 6 und für  mich nach 13 Jahren. Mit unserem Sohn Martin zogen wir in eine der Wohnungen des fertiggestellten Mietshauses am Rigaer Weg. In unserem neuen Zuhause wuchs unsere Familie weiter an und Peteris, Tabita und Toms kamen auf die Welt.

Für Paulis wurde das Leben mit der Auflösung des Lagers nicht ruhiger. In den Baracken hatte es Gemeinschaftsräume gegeben, die nun fehlten. Wieder Gespräche. Wieder die Suche nach Geldgebern. Und wieder gab es Resonanz aus den Niederlanden. Die Spendenaktion „Do Open" ("Öffnet“) -eine Initiative junger engagierter Menschen- ermöglichte eine Weiterentwicklung. 1963 wurde ein Kindergarten an der Kurlandallee eingeweiht. Ein Jahr später öffnete daneben das „Lettische Jugend- und Kulturzentrum“ seine Türen.  Es war ein großes Haus  für verschiedenste gesellschaftliche Aktivitäten entstanden – ein schöner Kirchrenaum, ein großer Saal und weitere Räume.

Durch die Neubauten war unsere Siedlung gewachsen und neben den Letten lebten nun auch mehr Deutsche sowie Menschen anderer Nationalitäten hier. Viele von ihnen hatten soziale Probleme. Die jungen Sozialarbeiter wollten das Kulturzentrum zu einem Begegnungsort für alle Bewohner werden lassen.

Die Rennplatzsiedlung

Über die Jahre nahm die lettische Gemeinschaft weiter ab, die Gräber auf dem Friedhof Ohmstede nahmen hingegen zu. Auch die lettischen Veranstaltungen gingen entsprechend zurück.

Was aber weiterhin blieb, das waren die Probleme. Immer wieder brauchte es eine Finanzierung zum Erhalt des Kulturzentrums. Ich erinnere mich gut an die unzähligen Briefe, die Paulis und andere Mitarbeiter schrieben, um Unterstützung zu finden. Da wir „mittendrin“ lebten, kamen die Sorgen auch in unser privates Leben. Wenn die Menschen mit Paulis sprechen wollten, kamen sie zu uns in die Wohnung; oft setzten sie die Gespräche an unserem Mittagstisch fort. Die Kinder wussten schon früh, was uns Erwachsene beschäftigte.

1982 starb unser Sohn Peteris. Er wurde in England von einem LKW überfahren. Als wir ihn auf dem Ohmsteder Friedhof beerdigten, kauften wir neben ihm vorsorglich auch einen Platz für Paulis.

Als geistige Kraftquelle lernte mein Mann in den 70.Jahren die lettischen Gemeindetage in Amerika kennen. Er wurde eingeladen, die tägliche Bibelarbeit zu übernehmen und er bereitete sich mit viel Freude darauf vor. Zum ersten Mal war er 1975 in den USA, das letzte Mal 1984. Nach seiner Rückkehr machte  er sich daran, die ersten lettischen Gemeindetage in Deutschland zu organisieren. Sie fanden 1981 in Haus Annaberg in Bonn statt, wo Paulis` älterer Bruder Pfarrer Jazeps Urdze wirkte. Auch hier wurden die Gemeindetage zu einem bereichernden und stärkenden Erlebnis für die Teilnehmenden.

Ich möchte an dieser Stelle auch Paulis Mitwirkung an zahlreichen Radiobeiträgen erwähnen. Über Radio Monte Carlo wurde regelmäßig die Sendung „Christus lebt“ nach Lettland übertragen. Mehrere Pfarrer schrieben regelmäßig ca 10 min lange Ansprachen. Paulis erarbeitete eine spezielle Reihe für den Konfimantenunterricht, da in Sowjetlettland keine entsprechenden Materialien zugänglich waren. 1975 wurden mit ihm 55 kurze Essays zu Grundfragen des Glaubens aufgenommen. 1977 veröffentlichte die Lettische ev. luth. Kirche in Amerika diese als Materialsammlung „Leben im Glauben“. Und so konnten auch die Gemeinden außerhalb Lettlands diese eigene Publikation nutzen.

Paulis Urdze in seinem Arbeitszimmer

Paulis hat viele Beiträge, Ansprachen usw. geschrieben.  Wenn es ihm hin und wieder gelang, auf diese Weise das Wesentliche im Leben zu verdeutlichen, erfüllte ihn das mit Freude.

Als er vor Ausbruch des Krieges mit seinem Theologiestudium in Riga begann, hatte er gehofft, mit Jugendlichen zu arbeiten und lebhafte Debatten über den Glauben zu führen. Mein Mann hat auch immer gern gesungen und Theater gespielt. Gott gab ihm einen ganz anderen Auftrag und er nahm ihn an. Manchmal hatte ich aber das Gefühl, dass er sich nach einem Leben mit weniger Problemen sehnte.

In einem Text von Paulis las ich seine Überlegungen vom Sähen und Ernten. Er fragt sich, ob er das Wachsen und Gedeihen miterleben wird. Und er bezweifelt es.

Vieles gelangt zur Reife, ohne dass wir überhaupt wissen, wer derjenige war, der gesäht hat. Nicht immer glauben wir daran, dass ein Wachstum möglich ist. Wir verstehen nicht, was die Erde benötigt. Wir wissen nicht, wer die Ernte einfahren wird und wann dies geschieht. In einem Brief schreibt mein Mann: „Im Vertrauen auf Christus lernen wir zu glauben, dass es eine Zukunft gibt. Die Frage ist dann nicht, ob bessere Zeiten kommen werden, sondern, ob wir uns trauen, von Gott etwas zu erwarten.“

Trotz aller Ungewissheit fühlte sich Paulis getragen. In den letzten Jahren hörte ich ihn des Öfteren sagen: „Das Leben ist schön, weil Gott gut ist.“

"Gott ist Liebe" - Grabstätte von Peteris und Paulis Urdze 

Nach Paulis Tod bin ich nach England gezogen und habe Pfarrer Aldonis Putce geheiratet. Das Leben in Oldenburg rückte nach und nach in die Ferne. Nach 30 Jahren bin ich zurückgekehrt nach Deutschland und lebe nun in Bonn. Auch mein zweiter Mann ist verstorben.

Hin und wieder fahre ich nach Oldenburg. Es gibt immer noch die lettischen Straßennamen. Auf der Ecke Kurlandallee - Rennplatzstr. steht das große Gebäude des Kulturzentrums. Mittlerweile kümmert sich die Stadt Oldenburg um den Erhalt und finanziert auch die soziale Stadtteilarbeit. Der Kirchturm hat nun ein Stockwerk weniger, die Glocke wurde nach Lettland gebracht. Als ich das Zentrum von innen besichtigen durfte, habe ich mich sehr gefreut. So „gut in Schuss“ war es nie gewesen, immer fehlte das Geld. Heute treffen sich dort Selbsthilfegruppen, es finden eine Reihe sozialer Angebote statt und die Menschen, die heute in der ehemaligen Lager-Siedlung leben und ganz unterschiedlicher Herkunft sind, finden hier einen Ort der Begegnung.

Von den lettischen Bewohnern gibt es niemanden mehr. Auf dem Friedhof sind die meisten Gräber schon mit Gras überwachsen. Im kommenden Jahr werden auch die Gräber von Paulis, unserem Peteris und meiner Mutter eingeebnet.

Hinter dem Friedhof im Gemeindehaus neben der Kirche versammelt sich seit Jahren  unter der Leitung von Diakonin Laima Urdze regelmäßig eine neue lettische Gemeinde, deren Mitglieder aus der näheren Umgebung zusammenkommen.

Ebenfalls in Ohmstede, auf der anderen Straßenseite des kirchlichen Gemeindezentrums, sind ansprechende Neubauten entstanden. Dort sind heute die „Gemeinnützigen Werkstätten“ untergebracht. Ich wundere mich, was aus der einstmals von Paulis initiierten kleinen Selbsthilfe-Werkkstatt geworden ist ... Heute arbeiten 300 Menschen mit verschiedenen Behinderungen in dieser Einrichtung; weitere Werkstätten gibt es auch an anderen Orten in der Stadt. Insgesamt sind dort 900 Menschen beschäftigt.

Zum 100. Geburtstag  - danke, Paulis, dass es Dich gab!
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